Von Aleppo nach Berlin: Mohamad aus dem Team Platform Solutions

Team Platform Solutions: Mohamad

Outdoorexperten, Modefreaks, Pflanzenliebhaber – bei SysEleven arbeiten schräge Vögel und interessante Persönlichkeiten. Hier stellen wir Euch regelmäßig einige davon vor. Heute: Mohamad vom Team Platform Solutions.

Mohamad ist 22 Jahre alt und musste 2015 vor dem Krieg in seinem Heimatland Syrien fliehen. Über einen gemeinsamen Freund haben wir ihn kennengelernt – und waren sofort von seinen Skills überzeugt. Einige bürokratische Hürden später hat Mohamad bei uns angefangen. Hier erzählt er uns von seiner Ausbildung, der Situation in Aleppo und seiner Leidenschaft für die globale Sprache der IT.

Was hast Du gemacht, bevor Du bei SysEleven angefangen hast?

Nach meiner Ausbildung habe ich zwei Jahre Informatik am Computer Technology Institut in Aleppo gelernt. In Syrien darf man nach dieser Ausbildung aber nur mit einem sehr guten Abschluss an der Uni studieren. Deshalb habe ich 2014 meinen Schulabschluss erneut gemacht, um meine Noten zu verbessern und anfangen, Ingenieurinformatik zu studieren. Leider musste ich das Studium wegen des Krieges nach zwei Semestern abbrechen.

Heute lebst Du in Deutschland. Wie bist Du her gekommen?

Auf dem Landweg: von Aleppo nach Damaskus und von dort in den Libanon. Danach sind wir mit dem Schiff in die Türkei gefahren und von da mit Schmugglern nach Griechenland weiter. Von Griechenland ging es – meistens zu Fuß – nach Deutschland. Und seit Juli 2015 bin ich in Berlin.

Du sprichst sehr gut Deutsch. Wie hast Du die Sprache gelernt?

Na ja, ich lerne ja immer noch! Die ersten Kurse habe ich an der FU (Freie Universität Berlin) gemacht und jetzt unterstützt mich SysEleven. Ich will aber noch weiter lernen und mich verbessern. Jetzt bin ich ja hier und muss sowieso alles auf Deutsch schaffen.

Wie bist Du mit SysEleven in Kontakt gekommen?

Über einen Freund, den ich auf der C-Base kennengelernt habe und der bei Freifunk Berlin mitmacht. Der hat über Freifunk mit dem Team Netzwerk hier bei SysEleven Kontakt. Er sagte dann: „Du hast das doch gelernt und noch immer Bock drauf. Mach doch mal ein Praktikum bei SysEleven.“ Und das habe ich dann auch gemacht.

Und jetzt?

Nach dem sechswöchigen Praktikum hat es zwei oder drei Wochen gedauert, bis SysEleven mir eine Arbeitserlaubnis besorgen konnte. Danach habe ich zuerst beim Team Netzwerk angefangen und arbeite jetzt im Team Platform Solutions, also an der Underlay Infrastructure. Ich mache also eine gute Mischung aus Konfiguration, System Administrator und Hardware. Jetzt gibt es die Idee, meine Ausbildung hier bei SysEleven zu machen. Denn leider sind meine Zeugnisse in Deutschland nicht anerkannt. Das heißt nicht, dass sie wertlos sind, aber offiziell eben nicht anerkannt sind. Deshalb würde ich gerne eine dreijährige Ausbildung hier machen.

Schön, dass es mit der Arbeitserlaubnis geklappt hat.

Ja, sonst wäre das alles viel komplizierter geworden. Kurz gesagt: viel Bürokratie.

Ist Dir der Einstieg hier leicht gefallen? Die Grundsätze der IT gelten doch überall auf der Welt.

Das kann ich nicht ganz beurteilen, da wir in Syrien anders gearbeitet haben. Zum Beispiel läuft dort fast alles auf Windows. Hier bei SysEleven musste ich erst Linux-Systeme und andere Open-Source-Tools lernen. Da habe ich immer noch Schwierigkeiten. Beim Programmieren hatte ich weniger Probleme, nur ein paar Kleinigkeiten vergessen. Und ja, Informatik ist natürlich global. Aber mir fehlt manchmal die Erfahrung und ohne Erfahrung wird es schwer.

Wie empfindest Du das Arbeiten bei SysEleven?

Ursprünglich wollte ich mich an der Uni einschreiben. Aber als ich SysEleven kennengelernt habe, wollte ich unbedingt hier hin. Hier kann ich echte Erfahrungen sammeln, es gibt immer Daily Challenges und komplizierte Aufgaben, die wir gemeinsam lösen müssen. Darüber hinaus gibt es Strukturen, die ich von früher nicht kenne. Zum Beispiel arbeiten wir agil, wir stellen je nach Aufgabe passende Teams zusammen und kommunizieren sehr intensiv. Da kann ich viel lernen. Ich glaube, das machen nicht viele Firmen so und das finde ich cool und effektiv.

Welche Themen und Projekte interessieren Dich noch?

Platform Solutions ist mir zu sehr Underlay um es für immer zu machen. Und Informatik ist sehr abwechslungsreich. Mich interessiert vieles. Zumindest möchte ich vieles ausprobieren und mein Wissen erweitern. Leider ist das Leben zu kurz, um alles zu machen… Konkret würde ich zukünftig gerne mehr an Overlays arbeiten, vielleicht Applikationen entwickeln. Aber es gibt Schritte dahin und es ist gut, erstmal die Grundlagen zu lernen. Da sieht man die Maschinen, die Pakete und alles, was ganz unten passiert.

Unabhängig von der Arbeit: Fühlst Du Dich wohl in Berlin?

Hier ist schon viel los. Ich habe fast täglich einen Deutschkurs nach der Arbeit. Aber natürlich treffe ich auch Freunde, fahre viel Fahrrad, spiele Basketball oder verbringe im Sommer Zeit auf dem Tempelhofer Feld. Berlin ist sehr groß und es gibt viel zu entdecken, eine neue Gesellschaft, neues Essen und so. Da die syrische Gemeinschaft in Berlin noch sehr klein ist, gibt es nur kaum syrische Restaurants hier. Mittlerweile mag ich aber auch deutsches Essen sehr gern oder probiere internationale Gerichte. Das hatten wir in Syrien kaum. Nur die Bürokratie ist eine Katastrophe. Die Situation ist einfach schlimm, sowohl für uns als auch für Deutsche. Aber ich muss einfach weitermachen – und mich nicht von der Bürokratie bremsen lassen.

Wie sieht die Zukunft aus? Könntest Du Dir vorstellen, nach Syrien zurückzugehen?

Das hängt von vielen Dingen ab. Denn was in Aleppo passiert, passiert in ganz Syrien. So lange es dort so weiter geht, kann ich leider nicht zurück. Meine gesamte Generation musste flüchten. Ich war ungefähr 16, als der Krieg begann. Anfangs war die Situation in Aleppo noch nicht so schlecht, aber leider wurde sie plötzlich viel schlimmer als im übrigen Syrien. Die Militäroperationen wurden ausgeweitet und sie finden an die jungen Leute einzuziehen, die eigentlich vom Militärdienst freigestellt waren. Und ich wollte natürlich nicht für jemanden als Marionette in diesem Krieg kämpfen. Denn die Situation ist sehr kompliziert und es gibt keine klare Opposition, für die ich mich hätte entscheiden können. Anfangs habe ich noch für die Freiheit demonstriert, weil wir dachten, dass es in ein paar Wochen oder Monaten vorbei sein und die Regierung gestürzt wird. Aber dann wurden wir verfolgt, nur weil wir demonstriert haben. Das hat ausgereicht, damit sie dich ins Gefängnis werfen und dich für den Rest deines Lebens einsperren. Am Ende hatte ich gar nicht die Wahl zu bleiben…

Jetzt versuche ich mir in Deutschland etwas aufzubauen. Wenn ich vielleicht in ein paar Jahren wieder zurück kann, würde ich es mir auf jeden Fall genau überlegen. Vielleicht könnte unsere Generation das Land wieder aufbauen. Meine Familie ist auch noch dort. Aber ich weiß es aktuell nicht.

Bleibst Du also vielleicht in Berlin?

Für immer hier zu bleiben, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Berlin ist mir zu groß, ich brauche etwas mehr Ruhe. Ich war zum Beispiel mal in Weimar, das hat mir sehr gefallen.

Ich habe es ja nicht geplant, nach Deutschland zu fliehen und hier ein komplett neues Leben zu gründen. Und ich habe auch noch keinen Plan für die Zukunft. Die Situation in Aleppo ist noch schlimmer als vorher und auch in Deutschland verändert sich die Politik. Die Willkommens-Politik zieht aus meiner Sicht auch rechte Entwicklungen nach sich. Aber das ist mir fast egal. Ich will eigentlich nur unter einem Himmel leben, wo es keinen Krieg gibt und mich wohl fühle.

Wir würden uns jedenfalls freuen, Mohamad weiter bei uns zu haben. Er macht nicht nur einen tollen Job, sondern ist mittlerweile fester Bestandteil der SysEleven-Familie!